Einleitung
Die koronare Herzkrankheit (KHK) gehört zu den häufigsten Herzerkrankungen weltweit und ist in Deutschland die Todesursache Nummer eins. Allein in Deutschland leben schätzungsweise 6 Millionen Menschen mit dieser Erkrankung – viele davon, ohne es zu wissen. Die KHK entwickelt sich schleichend über Jahre und kann zu lebensbedrohlichen Komplikationen wie Herzinfarkt oder plötzlichem Herztod führen.
„In meiner täglichen Praxis als interventioneller Kardiologe sehe ich, dass die Früherkennung und rechtzeitige Behandlung der KHK entscheidend sind», erklärt Prof. Dr. Steffen Glöckler, Medizinischer Direktor am Diagnostischen und Therapeutischen Herzzentrum AG in Zürich. „Die gute Nachricht: Mit modernen Therapieansätzen und einem angepassten Lebensstil können wir das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und die Lebensqualität deutlich verbessern.»
In diesem Artikel erfahren Sie alles Wichtige über die koronare Herzkrankheit: Was genau passiert im Körper? Welche Symptome sollten Sie ernst nehmen? Und welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Was ist die koronare Herzkrankheit?
Bei einer koronaren Herzkrankheit sind die Koronararterien – also die Gefäße, die das Herz mit sauerstoffreichem Blut versorgen – durch Ablagerungen verengt. Diese Durchblutungsstörung wird in der Fachsprache als Atherosklerose oder im Volksmund als „Arterienverkalkung» bezeichnet.
Der Krankheitsmechanismus
Die Verengungen innerhalb der Arterien entstehen durch sogenannte Plaques. Diese Ablagerungen bestehen aus:
- Cholesterin und anderen Blutfetten
- Bindegewebe
- Kalziumeinlagerungen (daher der Begriff „Verkalkung»)
- Entzündungszellen
Diese Plaques bilden sich über Jahre an den Innenwänden der Koronararterien und verringern zunehmend deren Durchmesser. Dadurch wird der Blutfluss eingeschränkt, und die Sauerstoffversorgung des Herzmuskels kann – besonders bei Belastung – nicht mehr gewährleistet werden.
„Man kann sich die Koronararterien wie Wasserleitungen vorstellen», veranschaulicht Prof. Dr. Glöckler aus seiner Erfahrung mit über 6.000 Herzkathetern. „Wenn diese Leitungen durch Ablagerungen verengt sind, kommt bei Bedarf nicht mehr genug Wasser durch – beim Herzen fehlt dann der lebenswichtige Sauerstoff.»
Stadien der koronaren Herzkrankheit
Die KHK wird grundsätzlich in zwei Hauptstadien unterteilt:
Nicht-stenosierende KHK
Bei der nicht-stenosierenden KHK ist der Blutfluss in den Koronararterien nur geringfügig beeinträchtigt. Es liegt keine messbare Minderdurchblutung (Ischämie) des Herzmuskels vor. Das Herz wird weiterhin mit ausreichend Sauerstoff versorgt.
Charakteristika:
- Keine oder nur minimale Symptome
- Herzmuskel noch ausreichend versorgt
- Oft Zufallsbefund bei Untersuchungen
- Kann sich zu stenosierender KHK entwickeln
Stenosierende KHK
Bei der stenosierenden KHK ist der Blutfluss so stark eingeschränkt, dass eine Ischämie – also eine Unterversorgung des Herzmuskels mit Sauerstoff – vorliegt.
Charakteristika:
- Deutliche Symptome, besonders bei Belastung
- Messbare Minderdurchblutung
- Meist erst in diesem Stadium diagnostiziert
- Erfordert therapeutische Intervention
Ursachen und Risikofaktoren
Die koronare Herzkrankheit entsteht nicht über Nacht, sondern entwickelt sich über Jahre durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Risikofaktoren.
Nicht beeinflussbare Risikofaktoren
Genetische Veranlagung: Familiäre Vorbelastung ist tatsächlich der wichtigste Einzelrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wenn nahe Verwandte (Eltern, Geschwister) bereits vor dem 55. Lebensjahr (Männer) bzw. 65. Lebensjahr (Frauen) eine KHK entwickelten, ist das eigene Risiko deutlich erhöht.
Alter und Geschlecht: Mit zunehmendem Alter steigt das KHK-Risiko. Männer erkranken im Durchschnitt 10 Jahre früher als Frauen, da weibliche Sexualhormone bis zur Menopause einen gewissen Schutz bieten.
Beeinflussbare Risikofaktoren
1. Rauchen – Der gefährlichste Faktor
Raucher haben ein zehnfach höheres Risiko, an einer KHK zu erkranken. Die Giftstoffe aus dem Tabakrauch:
- Schädigen die Gefäßinnenwände (Endothel)
- Fördern die Plaquebildung
- Erhöhen den Blutdruck
- Verringern die Elastizität der Blutgefäße
- Fördern die Blutgerinnung
„Das Positive: Bereits zwei Jahre nach dem Rauchstopp entspricht das Herzinfarktrisiko dem von Nie-Rauchern», betont Prof. Dr. Glökler.
2. Bluthochdruck (Hypertonie)
Chronisch erhöhter Blutdruck schädigt die Gefäßwände und beschleunigt die Atherosklerose. Etwa 70% der KHK-Patienten haben gleichzeitig Bluthochdruck.
3. Erhöhte Cholesterinwerte (Hypercholesterinämie)
Besonders das LDL-Cholesterin („schlechtes Cholesterin») lagert sich in den Gefäßwänden ab und bildet Plaques. Das HDL-Cholesterin („gutes Cholesterin») wirkt dagegen protektiv.
4. Diabetes mellitus
Diabetiker haben ein 2-4fach erhöhtes Risiko für KHK. Erhöhte Blutzuckerwerte schädigen die Gefäßwände und fördern Entzündungsprozesse.
5. Übergewicht und Adipositas
Starkes Übergewicht geht meist mit ungünstigen Blutfettwerten, erhöhtem Blutdruck und Insulinresistenz einher – eine gefährliche Kombination.
6. Bewegungsmangel
Körperliche Inaktivität erhöht das KHK-Risiko um etwa 50%. Regelmäßige Bewegung senkt dagegen den Blutdruck, verbessert die Blutfettwerte und fördert die Gefäßgesundheit.
7. Chronischer Stress
Dauerstress aktiviert das sympathische Nervensystem, erhöht Blutdruck und Herzfrequenz und fördert Entzündungsprozesse. Menschen mit Depression oder Angststörungen haben ein deutlich erhöhtes KHK-Risiko.
Symptome: Wann sollten Sie aufmerksam werden?
Die Symptome der KHK hängen vom Schweregrad der Erkrankung ab. Im Frühstadium verläuft sie oft symptomlos – ein Grund, warum Vorsorgeuntersuchungen so wichtig sind.
Angina Pectoris – Das Leitsymptom
Das typische Symptom der KHK ist die Angina Pectoris (lateinisch für „Brustenge»). Sie entsteht, wenn der Herzmuskel mehr Sauerstoff benötigt, als durch die verengten Koronararterien geliefert werden kann.
Typische Beschwerden:
- Druckgefühl oder Enge hinter dem Brustbein („als ob ein Elefant auf der Brust sitzt»)
- Brennende Schmerzen in der Brust
- Ausstrahlende Schmerzen in:
- Linken Arm (klassisch)
- Beide Arme
- Nacken und Kiefer
- Rücken
- Oberbauch
Begleitsymptome:
- Atemnot
- Schweißausbrüche
- Übelkeit
- Angstgefühle
- Schwächegefühl
Stabile vs. Instabile Angina Pectoris
Die Unterscheidung ist prognostisch wichtig:
Stabile Angina Pectoris:
- Tritt bei vorhersehbarer Belastung auf
- Lässt in Ruhe nach
- Spricht auf Nitro-Spray an
- Symptome seit mindestens 2 Monaten unverändert
Instabile Angina Pectoris (NOTFALL!):
- Tritt in Ruhe oder bei minimaler Belastung auf
- Nimmt an Häufigkeit und Intensität zu
- Spricht schlecht auf Nitro-Spray an
- Kann Vorbote eines Herzinfarkts sein
„Bei instabiler Angina Pectoris oder Brustschmerzen in Ruhe muss sofort der Notruf 112 gewählt werden», warnt Prof. Dr. Glöckler eindringlich. „Jede Minute zählt.»
Atypische Symptome – besonders bei Frauen
Frauen zeigen häufiger atypische Symptome:
- Müdigkeit und Erschöpfung
- Übelkeit und Erbrechen
- Rückenschmerzen
- Kurzatmigkeit ohne Brustschmerzen
- Schmerzen im Oberbauch
Klassifikation nach Schweregrad
Die Canadian Cardiovascular Society (CCS) teilt die stabile Angina Pectoris in vier Schweregrade ein:
CCS I: Beschwerden nur bei sehr anstrengender oder längerer Belastung. Normales Gehen und Treppensteigen beschwerdefrei.
CCS II: Leichte Einschränkung bei normalen Aktivitäten. Beschwerden beim schnellen Gehen, Treppensteigen, nach Mahlzeiten, bei Kälte oder emotionalem Stress.
CCS III: Deutliche Einschränkung. Beschwerden schon beim normalen Gehen über 100-200 Meter oder beim Treppensteigen.
CCS IV: Schwere Einschränkung. Beschwerden bereits in Ruhe. Keine körperliche Aktivität ohne Symptome möglich.
Diagnose: So wird die KHK festgestellt
Die Diagnose der KHK erfolgt schrittweise:
1. Anamnese und körperliche Untersuchung
Der Arzt erfragt:
- Art und Auftreten der Beschwerden
- Risikofaktoren
- Familiengeschichte
- Begleiterkrankungen
2. Ruhe-EKG
Das Elektrokardiogramm kann Hinweise auf:
- Frühere Herzinfarkte
- Durchblutungsstörungen
- Herzrhythmusstörungen liefern
3. Belastungstests
Belastungs-EKG (Ergometrie): Auf dem Fahrrad oder Laufband wird die Herzaktivität unter Belastung aufgezeichnet.
Stressechokardiographie: Ultraschalluntersuchung des Herzens unter medikamentöser oder körperlicher Belastung.
4. Bildgebende Verfahren
Echokardiographie: Beurteilung der Herzfunktion und Wandbewegungsstörungen.
Myokard-Szintigraphie: Darstellung der Durchblutung des Herzmuskels mit radioaktiv markierten Substanzen.
Kardio-CT: Nachweis von Verkalkungen in den Koronararterien und deren Schweregrad.
5. Herzkatheteruntersuchung – Der Goldstandard
Die Koronarangiographie ist die genaueste Methode zur Darstellung der Koronararterien. Dabei wird ein dünner Katheter über die Leisten- oder Handgelenksarterie bis zu den Herzkranzgefäßen vorgeschoben und Kontrastmittel eingespritzt.
„Die Herzkatheteruntersuchung ist nicht nur diagnostisch, sondern oft auch therapeutisch», erklärt Prof. Dr. Glökler. „In einer Sitzung können wir Verengungen identifizieren und häufig direkt mit einem Ballon und Stent behandeln.»
Moderne Behandlungsmöglichkeiten
Das primäre Therapieziel bei KHK ist:
- Verbesserung der Lebensqualität
- Verhinderung des Fortschreitens
- Reduktion des Herzinfarktrisikos
- Vermeidung von Komplikationen
1. Medikamentöse Therapie – Die Basis
Thrombozytenaggregationshemmer:
- ASS (100 mg/Tag): Verhindert Blutgerinnselbildung
- Clopidogrel/Ticagrelor: Zusätzlich bei höherem Risiko oder nach Stent-Implantation
Statine:
- Senken LDL-Cholesterin
- Stabilisieren Plaques
- Ziel: LDL <70 mg/dl (bei sehr hohem Risiko <55 mg/dl)
Betablocker:
- Senken Herzfrequenz und Blutdruck
- Reduzieren Sauerstoffbedarf des Herzens
- Verbessern Prognose nach Herzinfarkt
ACE-Hemmer/AT1-Blocker:
- Senken Blutdruck
- Schützen Herzmuskel und Nieren
- Besonders wichtig bei Diabetes oder Herzinsuffizienz
Nitrate:
- Erweitern Koronararterien
- Nitro-Spray bei akuten Beschwerden
- Langwirkende Nitrate zur Vorbeugung
2. Interventionelle Therapie – Katheterverfahren
Perkutane Koronarintervention (PCI):
Bei der PCI wird die verengte Stelle mit einem Ballonkatheter aufgedehnt:
- Katheter wird über Leisten- oder Handgelenksarterie eingeführt
- Ballon wird an der Engstelle positioniert und aufgeblasen
- Stent (Gefäßstütze) wird implantiert, um das Gefäß offen zu halten
Moderne Stent-Technologie:
- Drug-Eluting Stents (DES): Geben Medikamente ab, die erneute Verengungen verhindern
- Bioresorbierbare Stents: Lösen sich nach einiger Zeit auf (noch in Erprobung)
„In meiner Praxis führe ich viele PCIs durch», berichtet Prof. Dr. Glökler. „Die Erfolgsraten sind hoch, und viele Patienten berichten von sofortiger Beschwerdelin
derung.»
3. Chirurgische Therapie – Bypass-Operation
Bei schweren Mehrgefäßerkrankungen oder ungünstiger Anatomie ist eine Bypass-Operation (CABG – Coronary Artery Bypass Graft) notwendig.
Prinzip: Umleitung des Blutflusses um die verengten Stellen herum mit körpereigenen Gefäßen (meist Bein- oder Brustarterien).
Indikationen:
- Hauptstammstenose
- Mehrgefäßerkrankung mit komplexer Anatomie
- Diabetes mit Mehrgefäßerkrankung
- Eingeschränkte Herzfunktion
Lebensstilmodifikation – Die wichtigste Therapie
Ohne Anpassung des Lebensstils ist jede medizinische Therapie nur begrenzt wirksam.
1. Rauchstopp – Priorität Nummer 1
Der Verzicht auf Nikotin ist die wirksamste Einzelmaßnahme. Das Herzinfarktrisiko halbiert sich bereits nach einem Jahr.
2. Mediterrane Ernährung
Empfohlen:
- Viel Obst und Gemüse (5 Portionen täglich)
- Vollkornprodukte
- Hülsenfrüchte
- Nüsse (ungesalzen)
- Fisch (2x wöchentlich)
- Olivenöl als Hauptfettquelle
Zu vermeiden:
- Gesättigte Fette (Wurst, fettes Fleisch)
- Trans-Fette (Fertigprodukte, Frittiertes)
- Zu viel Salz (<5g/Tag)
- Zucker und süße Getränke
3. Regelmäßige Bewegung
Empfehlung: 150 Minuten moderate Ausdaueraktivität pro Woche
- Zügiges Gehen
- Radfahren
- Schwimmen
- Nordic Walking
Wichtig: Trainingsintensität mit dem Kardiologen besprechen!
4. Gewichtsreduktion
Ziel-BMI: 20-25 kg/m². Besonders wichtig: Reduktion des Bauchumfangs (Männer <94 cm, Frauen <80 cm).
5. Stressmanagement
- Entspannungstechniken (Yoga, Meditation)
- Ausreichend Schlaf (7-8 Stunden)
- Psychologische Unterstützung bei Bedarf
- Soziale Kontakte pflegen
Prognose und Lebenserwartung
Mit moderner Therapie haben KHK-Patienten eine gute Prognose:
- Nach erfolgreicher Revaskularisation deutliche Beschwerdereduktion
- Medikamentöse Therapie + Lebensstilmodifikation verlängern Lebenserwartung signifikant
- Regelmäßige Nachsorge verhindert Komplikationen
„Die KHK ist eine chronische Erkrankung, aber keine Einbahnstraße», betont Prof. Dr. Glökler. „Mit konsequenter Therapie und angepasstem Lebensstil können Patienten ein weitgehend normales, aktives Leben führen.»
Fazit
Die koronare Herzkrankheit ist die häufigste Herzerkrankung, aber auch eine der am besten behandelbaren. Früherkennung ist entscheidend – achten Sie auf Warnsignale wie Brustenge bei Belastung. Die Kombination aus moderner Medizin und gesundem Lebensstil ermöglicht den meisten Patienten ein Leben mit guter Qualität.
Wichtigste Botschaften:
- Bei Brustschmerzen in Ruhe: Notruf 112
- Risikofaktoren kennen und minimieren
- Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen
- Medikamente konsequent einnehmen
- Gesunder Lebensstil ist die beste Therapie