Wenn es um Herzgesundheit geht, denken die meisten an Cholesterin, Blutdruck und Bewegung. Doch die Forschung zeigt zunehmend: Umweltfaktoren wie Lärm und Luftverschmutzung schädigen das Herz-Kreislauf-System massiv, oft ohne dass Betroffene es bemerken. Luftverschmutzung verursacht weltweit rund 8 Millionen Todesfälle pro Jahr, mehr als Rauchen.
Die Zahlen: Umwelt schlägt Lebensstil
Die Fakten sind alarmierend:
- Luftverschmutzung: ca. 8 Millionen vorzeitige Todesfälle weltweit pro Jahr (WHO 2023)
- Erhöhtes Cholesterin: ca. 4 Millionen Todesfälle pro Jahr
- Rauchen: ca. 7 Millionen Todesfälle pro Jahr
- Bluthochdruck: die häufigste einzelne Todesursache weltweit
„Wenn wir nur auf den Lebensstil des Einzelnen blicken, auf das, was er oder sie fürs Herz machen kann, verschleiern wir, wo die wahre Gefahr liegt: in der Welt, die uns umgibt», sagt Prof. Thomas Münzel, Seniorprofessor und ehemaliger Leiter der Kardiologie an der Universitätsmedizin Mainz, in einem Interview mit DER SPIEGEL (Januar 2026).
Wie Lärm das Herz schädigt
Chronischer Lärmstress steigert das Risiko, dass Herzkranzgefässe verkalken, es zu einem Schlaganfall oder Herzinfarkt kommt. Später entstehen oft Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen. Die Forschung zeigt:
- Bereits eine Nacht mit Lärmbelastung erhöht die Stresshormone im Blut
- Der Stress führt zu Entzündungen in den Blutgefässen, die dadurch vorübergehend schlechter funktionieren
- Es kommt weniger auf die Lärmquelle an als darauf, wie sehr man sich über den Lärm ärgert
- Wer bereits einer Nacht Lärm ausgesetzt war, reagiert in der zweiten Nacht noch empfindlicher, der Körper gewöhnt sich nicht daran
Besonders betroffen: Menschen, die an stark befahrenen Strassen oder in der Nähe von Flughäfen leben.
Wie Feinstaub Herz und Gefässe angreift
Feinstaub entsteht durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe, aber auch durch Landwirtschaft (Gülle, Ammoniak). Die winzigen Partikel gelangen über die Lunge in den Blutstrom und schädigen das Endothel, die dünne Zellschicht, die Herzhöhlen und Blutgefässe von innen auskleidet.
Die Folgen laut Prof. Münzel:
- Feinstaub erhöht die Zahl der freien Radikale in den Blutgefässen
- Die Gefässe verlieren an Elastizität
- Bei längerer Exposition bilden sich kalkhaltige Ablagerungen (Plaques)
- Brechen diese Plaques auf, können sie die Blutbahn verstopfen, es entstehen Herzinfarkte und Schlaganfälle
Rund 40 Prozent der feinstaubbedingten vorzeitigen Todesfälle in Deutschland gehen auf Ammoniakemissionen aus der Landwirtschaft zurück.
Die Co-Exposition: Wenn Lärm und Feinstaub zusammenwirken
Wer an einer viel befahrenen Strasse wohnt, ist häufig Lärm und Luftverschmutzung gleichzeitig ausgesetzt. Diese Co-Exposition verstärkt die schädlichen Effekte gegenseitig. Wenn man das Fenster öffnet, dringen Krach und Abgase wie Feinstaub und Stickstoffdioxid gleichzeitig ein.
Was Sie tun können
- Schlafzimmer ruhig halten: Schlafzimmer zur ruhigen Strassenseite verlegen, Ohrstöpsel oder Schalldämmung nutzen
- Luftqualität beachten: Bei hoher Feinstaubbelastung (Smog-Tage) intensive körperliche Aktivität im Freien reduzieren
- Lüften mit Bedacht: An vielbefahrenen Strassen zu Zeiten mit weniger Verkehr lüften
- Bewegung in Grünanlagen: Sport bevorzugt in Parks oder abseits von Hauptverkehrsachsen ausüben
- Kardiovaskuläre Risikofaktoren kontrollieren: Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker regelmässig überprüfen, gerade bei hoher Umweltbelastung
- Nicht rauchen: Rauchen und Feinstaub zusammen potenzieren das Risiko
„Wir können unsere Umwelt nicht immer beeinflussen, aber wir können die Risikofaktoren, die wir kontrollieren können, umso konsequenter behandeln», sagt Prof. Dr. med. Steffen Glökler, Leiter des DTH Herzzentrums Zürich. „Gerade Menschen in städtischen Gebieten sollten regelmässige kardiologische Kontrollen in Betracht ziehen.»
Zürich: Wie steht es um die Luftqualität?
Die Schweiz hat im europäischen Vergleich eine gute Luftqualität, doch auch in Zürich werden an stark befahrenen Strassen die Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) und Feinstaub (PM2.5) zeitweise überschritten. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BAFU) stellt aktuelle Messwerte online zur Verfügung.
FAQ, Umwelt und Herzgesundheit
Ja. Chronischer Lärmstress erhöht Stresshormone, verursacht Entzündungen in den Blutgefässen und steigert das Risiko für Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzrhythmusstörungen. Bereits eine Nacht mit Lärmbelastung zeigt messbare Effekte auf die Gefässfunktion.
Laut WHO verursacht Luftverschmutzung weltweit rund 8 Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr. Das sind mehr als durch Rauchen (7 Millionen) und fast doppelt so viele wie durch erhöhtes Cholesterin (4 Millionen).
Bei hoher Feinstaubbelastung ist es sinnvoll, intensive körperliche Aktivität im Freien zu reduzieren oder in Parks und Grünanlagen zu verlegen. Grundsätzlich überwiegen die Vorteile von Bewegung aber die Risiken durch moderate Luftverschmutzung.
Wenn Sie in einem Gebiet mit hoher Lärm- und Luftbelastung leben und zusätzliche Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin oder familiäre Vorbelastung haben, ist eine regelmässige kardiologische Kontrolle sinnvoll. Am DTH Herzzentrum bieten wir dafür unser Herz-Screening an.
Quellen
- Münzel T. Interview: „Wir verschleiern, wo die wahre Gefahr fürs Herz liegt.» DER SPIEGEL 5/2026, 22.01.2026.
- World Health Organization (WHO). Ambient Air Pollution Fact Sheet. 2023.
- Münzel T et al. Environmental Noise and the Cardiovascular System. J Am Coll Cardiol. 2018;71(6):688-697.
- European Environment Agency (EEA). Air Quality in Europe, 2025 Report.