Einleitung
Die Adventszeit in der Schweiz ist eine besondere Zeit: Weihnachtsmärkte in Zürich, Basel und Bern locken mit stimmungsvoller Atmosphäre, der Duft von gebrannten Mandeln liegt in der Luft, und Glühwein wärmt die Hände. Dazu kommen die traditionellen Firmen-Weihnachtsfeiern, private Apéros und Silvesterpartys. Was gemütlich beginnt, kann jedoch für das Herz problematisch werden. Das sogenannte Holiday-Heart-Syndrom bezeichnet Herzrhythmusstörungen, die durch exzessiven Alkoholkonsum ausgelöst werden – und tritt gerade in der Weihnachtszeit gehäuft auf.
„In meiner Praxis sehe ich jedes Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr eine deutliche Zunahme von Patienten mit plötzlich aufgetretenem Vorhofflimmern», berichtet Prof. Dr. Steffen Glöckler, Interventioneller Kardiologe und Medizinischer Direktor am Diagnostischen und Therapeutischen Herzzentrum AG in Zürich. „Oft ist die Ursache schnell gefunden: mehrere Glühweine auf dem Weihnachtsmarkt oder eine feuchtfröhliche Firmenfeier am Vorabend.»
Was ist das Holiday-Heart-Syndrom?

Das Holiday-Heart-Syndrom wurde erstmals 1978 von Philip Ettinger beschrieben und bezeichnet Herzrhythmusstörungen, die typischerweise innerhalb von 24 bis 48 Stunden nach exzessivem Alkoholkonsum bei ansonsten gesunden Personen auftreten. Der Name stammt aus dem angelsächsischen Raum, wo das Phänomen besonders an Feiertagen beobachtet wurde – in der Schweiz sehen wir es verstärkt während der Adventszeit und zwischen den Jahren.
Typische Symptome
Die Arrhythmien manifestieren sich meist als paroxysmales Vorhofflimmern und gehen häufig mit folgenden Symptomen einher:
- Herzklopfen oder „Herzstolpern»: Das Herz schlägt unregelmäßig und oft schnell
- Schwindel: Durch die unregelmäßige Herzaktion kann der Kreislauf beeinträchtigt sein
- Brustschmerzen oder -enge: Ein Druckgefühl in der Brust
- Atemnot: Besonders bei Belastung
- Angstgefühle: Die ungewohnten Herzsymptome können Panik auslösen
Der zeitliche Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und dem Auftreten der Symptome ist ein charakteristisches Merkmal des Holiday-Heart-Syndroms.
Schweizer Weihnachtstraditionen und das Herzrisiko
In der Schweiz gibt es zahlreiche Gelegenheiten, bei denen Alkohol eine zentrale Rolle spielt:
Weihnachtsmärkte und Glühwein
Ein Glühwein hier, noch einer dort – auf den stimmungsvollen Weihnachtsmärkten in Zürich, Basel, Luzern oder Montreux kommt schnell einiges zusammen. Ein Becher Glühwein (2 dl) enthält typischerweise etwa 20-24 g reinen Alkohol – das entspricht bereits 2-2.4 Standardgläsern. Nach drei bis vier Bechern hat man also bereits eine erhebliche Alkoholmenge konsumiert, die das Herz belasten kann.
Apéros und Firmenanlässe
Der traditionelle Schweizer Apéro mit Weisswein, Prosecco oder einem „Feierabendbier» kann sich über mehrere Stunden hinziehen. Bei Firmen-Weihnachtsfeiern oder privaten Anlässen summiert sich der Konsum oft unmerklich.
Fondue und Raclette
Auch kulinarische Traditionen spielen eine Rolle: Beim Fondue gehört der Weisswein traditionell dazu, beim Raclette wird oft Wein oder Bier getrunken. Die Kombination aus schwerer Mahlzeit und Alkohol belastet das Herz zusätzlich.
Die MunichBREW II Studie: Alarmierende Erkenntnisse
Eine aktuelle prospektive Studie aus München untersuchte 202 gesunde junge Freiwillige im Rahmen von privaten Feierlichkeiten. Die Teilnehmenden wurden durch ein EKG-Monitoring ab Partybeginn über insgesamt 48 Stunden überwacht.
Erschreckende Ergebnisse
- Alkohol-Peak-Werte: Atemtests in der Trinkphase ergaben Werte von bis zu 2,5 Promille
- Herzfrequenz: Mit zunehmendem Alkoholkonsum stieg die Herzfrequenz deutlich an
- Vorhoftachykardien: Zunehmende Häufigkeit während der Trinkphase
- Klinisch relevante Arrhythmien: Vorhofflimmern und ventrikuläre Tachykardien traten vorwiegend in der Erholungsphase auf – bei über 5% der Feiernden
„Diese Zahlen sind beeindruckend und alarmierend zugleich», kommentiert Prof. Dr. Glöckler. „Selbst junge, gesunde Menschen ohne Vorerkrankungen entwickeln durch eine einzige Nacht mit exzessivem Alkoholkonsum gefährliche Herzrhythmusstörungen.»
Pathophysiologie: Wie Alkohol das Herz schädigt
Die Pathophysiologie des Holiday-Heart-Syndroms ist multifaktoriell und komplex. Exzessiver Alkoholkonsum beeinflusst das Herz durch mehrere Mechanismen:
1. Direkte kardiotoxische Effekte
Ethanol und seine Metabolite, insbesondere Acetaldehyd, wirken direkt toxisch auf Kardiomyozyten (Herzmuskelzellen). Diese Substanzen können die Zellmembranen schädigen und die Kontraktionsfähigkeit des Herzmuskels beeinträchtigen.
2. Einfluss auf das autonome Nervensystem
Alkohol induziert sympathische Stimulation und parasympathische Hemmung. Das bedeutet: Das „Stress-System» wird aktiviert, während der „Beruhigungs-Nerv» (Vagus) gehemmt wird. Dies führt zu:
- Erhöhter Herzfrequenz
- Gesteigerter Erregbarkeit des Herzens
- Begünstigung von Rhythmusstörungen
3. Störung des Elektrolythaushalts
Alkohol wirkt harntreibend und führt zum Verlust wichtiger Elektrolyte:
- Kalium: Wichtig für die elektrische Stabilität des Herzens
- Magnesium: Schützt vor Arrhythmien
- Natrium: Beeinflusst die elektrische Leitfähigkeit
Dysbalancen dieser Elektrolyte begünstigen massiv die Entstehung von Arrhythmien.
4. Entzündliche Prozesse
Alkohol fördert die Freisetzung inflammatorischer Zytokine (Entzündungsbotenstoffe), die die Herzfunktion beeinträchtigen können. Chronische Entzündung ist ein bekannter Risikofaktor für Vorhofflimmern.
5. Dehydratation
Der harntreibende Effekt von Alkohol führt zu Flüssigkeitsverlust, was die Blutviskosität erhöht und das Risiko für Thrombosen steigert.
Abgrenzung zur Alkoholischen Kardiomyopathie
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen dem akuten Holiday-Heart-Syndrom und der chronischen alkoholischen Kardiomyopathie:
Holiday-Heart-Syndrom:
- Akute Rhythmusstörung nach exzessivem Alkoholkonsum
- Tritt bei ansonsten gesunden Personen auf
- Meist vollständige Erholung innerhalb weniger Tage
- Prognose generell günstig
Alkoholische Kardiomyopathie:
- Chronische Herzerkrankung
- Entwickelt sich über Jahre durch regelmäßigen übermäßigen Alkoholkonsum
- Führt zu Herzinsuffizienz (Herzschwäche)
- Kann irreversible Schäden verursachen
„Das Holiday-Heart-Syndrom ist oft ein Weckruf», erklärt Prof. Dr. Glöckler aus seiner klinischen Erfahrung mit über 6.000 Herzkathetern. „Viele Patienten überdenken nach so einem Ereignis ihren Alkoholkonsum – und das ist gut so.»
Therapie und Akutmanagement
Akute Behandlung
Die Behandlung des Holiday-Heart-Syndroms umfasst:
Stabilisierung des Herzrhythmus:
- Beta-Blocker (z.B. Metoprolol) zur Frequenzkontrolle
- Antiarrhythmika (z.B. Amiodaron oder Flecainid) bei anhaltenden Rhythmusstörungen
- In seltenen Fällen elektrische Kardioversion bei instabilen Patienten
Ausgleich der Elektrolytstörungen:
- Intravenöse Kalium- und Magnesiumsubstitution
- Rehydratation mit Infusionen
Thromboembolie-Prophylaxe:
- Bei anhaltendem Vorhofflimmern: Antikoagulation zur Schlaganfallprophylaxe
Prognose
Die Langzeitprognose des Holiday-Heart-Syndroms ist bei einmaliger Episode generell günstig. In den meisten Fällen tritt eine vollständige Erholung innerhalb von wenigen Tagen nach der akuten Episode ein. Die Arrhythmie hört in der Regel spontan auf, sobald der Alkohol metabolisiert ist und die Elektrolyte ausgeglichen sind.
Aber Vorsicht: Wiederholte Episoden können das Risiko für chronisches Vorhofflimmern erhöhen und langfristig eine strukturelle Herzerkrankung begünstigen.
Risikofaktoren und gefährdete Personen
Während das Holiday-Heart-Syndrom grundsätzlich jeden treffen kann, sind bestimmte Gruppen besonders gefährdet:
Erhöhtes Risiko bei:
- Älteren Menschen: Ab 50 Jahren steigt das Risiko deutlich
- Vorbestehende Herzerkrankungen: Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit, Herzklappenerkrankungen
- Diabetes mellitus: Beeinträchtigt die autonome Regulation
- Übergewicht und Adipositas: Zusätzliche Belastung für das Herz
- Schlafapnoe: Erhöht das Grundrisiko für Vorhofflimmern
- Genetische Prädisposition: Familiäre Vorbelastung mit Herzrhythmusstörungen
„Die MunichBREW II Studie untersuchte gesunde junge Menschen», betont Prof. Dr. Glöckler. „Bei älteren Personen mit Vorerkrankungen sind die Risiken noch deutlich höher.»
Prävention: So schützen Sie Ihr Herz in der Weihnachtszeit
1. Moderate Alkoholmengen einhalten
Die wichtigste Präventionsmaßnahme ist ein maßvoller Alkoholkonsum. Aber was bedeutet das konkret?
Empfehlungen:
- Männer: Maximal 2 Standardgläser pro Tag (20g reiner Alkohol)
- Frauen: Maximal 1 Standardglas pro Tag (10g reiner Alkohol)
- Mindestens 2 alkoholfreie Tage pro Woche
Ein Standardglas entspricht:
- 1 dl Wein (12%)
- 2.5 dl Bier (5%)
- 3 cl Schnaps (40%)
Für Glühwein bedeutet das: Ein Becher (2 dl) entspricht bereits 2+ Standardgläsern!
2. Langsam trinken und zwischendurch Wasser
- Zwischen alkoholischen Getränken immer ein Glas Wasser trinken
- Nicht „auf ex» trinken
- Sich Zeit lassen und genießen statt „nachzuschütten»
3. Nie auf leeren Magen trinken
- Vor dem Weihnachtsmarktbesuch eine richtige Mahlzeit essen
- Auf dem Markt auch etwas Herzhaftes essen (allerdings nicht zu fettig)
4. Alkoholfreie Alternativen wählen
Viele Weihnachtsmärkte bieten mittlerweile auch alkoholfreie Getränke an:
- Alkoholfreier Glühwein (schmeckt ähnlich gut!)
- Heisse Schokolade
- Punsch ohne Alkohol
- Apfelsaft mit Zimt
5. Grenzen setzen und einhalten
- Sich vorab eine maximale Anzahl Getränke vornehmen
- Freunde oder Partner bitten, einen zu erinnern
- Nach dem letzten Drink früh genug nach Hause gehen
6. Besondere Vorsicht für Herzpatienten
Wenn Sie bereits eine Herzerkrankung haben:
- Besprechen Sie mit Ihrem Kardiologen, ob Alkohol für Sie überhaupt vertretbar ist
- Bei Herzrhythmusstörungen in der Vorgeschichte: Besondere Vorsicht oder kompletter Verzicht
- Bei Einnahme von blutverdünnenden Medikamenten: Alkohol verstärkt das Blutungsrisiko
Was tun bei Symptomen?
Wenn Sie nach einem Weihnachtsmarktbesuch oder einer Feier Herzklopfen, Schwindel oder Brustschmerzen verspüren:
Sofortmaßnahmen:
- Hinsetzen oder hinlegen
- Ruhig und tief atmen
- Puls messen (idealerweise mit Smartwatch oder manuell)
- Viel Wasser trinken
Wann zum Arzt/Notfall?
- Bei anhaltendem unregelmäßigem Herzschlag (>1 Stunde)
- Bei starken Brustschmerzen
- Bei Luftnot oder Schwindel
- Bei Bewusstseinsstörungen
Im Zweifel: Lieber einmal zu viel als zu wenig zum Arzt!
Fazit
Die Weihnachtszeit in der Schweiz mit ihren wunderschönen Märkten, geselligen Anlässen und kulinarischen Traditionen ist eine besondere Zeit. Doch der oft damit verbundene exzessive Alkoholkonsum – sei es Glühwein auf dem Christkindlimarkt, Wein beim Fondue oder Champagner an der Silvesterparty – kann selbst bei jungen gesunden Menschen zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen.
Das Holiday-Heart-Syndrom ist kein harmloses Phänomen: Über 5% der jungen, gesunden Feiernden in der MunichBREW II Studie entwickelten klinisch relevante Arrhythmien nach einer durchzechten Nacht. Bei älteren Menschen mit Vorerkrankungen dürften die Risiken noch deutlich höher sein.